MORAIG 2000

MORAIG 2000

Wir brachen am frühen Vormittag vom Zeltplatz in St. Sulpice (LOT) auf in der Hoffnung, noch im hellen in Benitachell anzukommen. Dort wollten wir uns mit Jens Hilbert treffen, der gerade an der Moraig mit einem Team versuchte, Neuland zu machen.
Die Strecke zog sich dann aber gewaltig in die Länge. Hinter der frz. Grenze führte die Autobahn mehrere Stunden lang fast schnurgerade durch das karge Land. Nach etwa 11h kamen wir im Ort an. Es war schon dunkel geworden und leider brach beim ersten Telefonkantakt die Leitung zusammen, so dass wir keine Ahnung hatten, wo sich die Gruppe aufhält. Also suchten wir uns eine Bleibe in Form einer Jugendherberge.
Am Morgen darauf trafen wir Jens an der Moraig. Geschäftiges Treiben war angesagt. Verschiedene Teams bereiteten eben ihren Tauchgang vor. Wir entschieden, selbiges zu tun.
Von dieser Höhle hatte ich vor mehreren Jahren das erste Mal gehört, als ich ein Video von Bernhard Pack in die Hände bekam, der dort mehrere Jahre lang geforscht hatte und dann auf tragische Weise in der Höhle sein Leben verlor. Die Bilder der mystisch anmutenden Moraig hatten mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Nun war der Zeitpunkt gekommen, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Nach dem Zusammenbau unserer Tauchgeräte glitten wir in ein kleines, felsumrahmtes Becken direkt neben dem Parkplatz. Nach dem Abtauchen durchtauchten wir eine Cavernzone, die hinaus in´s offene Meer führt. Die Höhle mündet etwa 150m vom Einstieg entfernt in´s offene Meer. Vor der Küste tauchten wir zur Orientierung kurz auf.
Vor uns öffnete sich ein natürlicher Felsbogen, durch den hindurch man in den Vorhof der Quelle gelangt. Über uns ragte überhängend eine seltsam anmutende, 70 – 80m hohe Felswand pfeilartig in die Höhe. Ein fantastischer Anblick! Nun kam der schwierige Teil. Vor dem Eingang liegen große Felsblöcke knapp unter der Wasseroberfläche. Es gibt nur einen schmalen Durchgang. Das wäre kein Problem, wenn da nicht die Wellen wären, welche mit ungeheurer Wucht in den Vorhof rollen. Das Gestein unter Wasser ist von Muscheln sehr scharfkantig. Hinzu kommt, dass die Sicht durch die Vermischung des Süßwassers aus der Quelle mit dem Salzwasser des Meeres eine sirupartige Konsistenz bildet, die nur noch unscharfe Blicke zulässt (in den kommenden Tagen zerstörten mehrere Taucher des Teams diverse Equipmentteile in dieser Engstelle wie z.Bsp. Kabellampen!).
Das Glück blieb uns hold und chauffierte alles heil hindurch. Nun begann der eigentliche Tauchgang. Die ersten hundert Meter ist die Höhle sehr großräumig mit starken Lehmablagerungen am Boden. Dann wird der Querschnitt kleiner. Nach etwa 330m teilte sich der Gang. Der Hauptgang verlief geradeaus weiter, nach links ging ein kleinerer Gang namens „Galeria de los Animales“ ab. Wir folgten diesem noch ca. 40m und kehrten dann um, da unser Gasvorrat nicht mehr zuließ. Hinter uns hatten die Ausatemblasen mittlerweile starke Sedimentablagerungen an der Decke losgelöst, die langsam und bedrohlich unsere Sicht einschränkten. Diese besserte sich erst wieder am Abzweig. Auf dem Rausweg beobachtete ich in Mulden am Boden Haloclines, die durch sich angesammeltes Salzwasser, welches durch die Wände drückt, entstehen.
Als wir den Vorhof erreichten, schlugen uns schwere Wellen entgegen. Das Meer war aufgewühlt und der Wind nahm mit jeder Minute zu. Wir flösselten zügig durch den Felsbogen hinaus und wollten dann abtauchen. Aber bei mir klappte das nicht. Sebastian verschwand unter mir und ließ mich mit einem Schmerz im linken Ohr zurück. Ich tauchte auf und versuchte mit Druckausgleich das Problem zu beheben. Mehrmaliges Abtauchen verschlimmerte die Sache nur noch. Als es endlich klappte, fand ich den Durchgang zum Ausstieg wegen rasch schlechter werdender Sicht nicht mehr und mußte wieder auftauchen. Mein Freund hatte meinen Verlust mittlerweile bemerkt und kehrte zu mir zurück. Wir tauchten gemeinsam ab, der stechende Schmerz blieb! Meine Erleichterung, aus dem Wasser zu sein, war spürbar.
Am Abend verschlechterte sich das Gefühl dramatisch. Ich tat nur mit starken Schmerzmitteln wenige Stunden ein Auge zu. Leider war es Wochenende und kein Arzt auffindbar. So quälte ich mich mehrere Tage hinweg mit der Gewissheit, dass das wohl mein letzter Tauchgang in diesem Urlaub gewesen sei. 5 Tage nach dem Zwischenfall fand ich einen Arzt. Er gab mir eine Spritze (bis heut keine Ahnung, was da drin war!) und Ohrentropfen und siehe da, innerhalb zwei Tagen war der Schmerz verschwunden! Also doch nochmal tauchen?!;-)
Während meiner Auszeit kamen mehrere Freunde mit dem Flieger von Deutschland herüber. Bernd Aspacher, dessen in Frankreich kaputtgegangenen Kompressor wir noch dabei hatten und Anke Palluch aus München. Für Bernd war der Defekt am Komp. kein Problem. Er ließ ihn gleich von einem der Eigentümer der Firma Komptec mitnehmen, der ebenfalls im Hilbert´schen Team war.
3 Tage nach unser´m Eintreffen hatten wir die Jugendherberge verlassen müssen, da angeblich unser Alter einer solchen Einrichtung nicht mehr entspräche;-) Jens meinte, es wäre kein Problem, wenn wir mit im angemieteten Ferienhaus wohnen würden unter Beteiligung der Kosten, versteht sich. Das taten wir 2 Nächte und zogen dann wegen Differenzen mit einigen Teammitgliedern (wir gehörten ja schliesslich nicht zum Team!) wieder aus. Auf einem Zeltplatz in der Nähe war es dann sehr viel angenehmer.
Sebastian machte in der Zwischenzeit einen schönen Tauchgang mit Bernd 750m weit in die „Galeria del Logo“. Ich hatte Bernd meinen Scooter geliehen, so dass sie gut gerüstet waren. Etwas wehmütig schaute ich den beiden beim Abtauchen im Höhlenvorhof nach.
Der Zustand meines Trommelfelles verbesserte sich so rasch, dass Sebastian und ich am letzten Tag noch einen Tauchgang mit Scooter und Stage in die Animales planten.
Die Bedingungen waren optimal. Wenig Schüttung in der Höhle, fast spiegelglatte See und großartige Sichtbedingungen. Also ab in´s Wasser und auf den Trigger gedrückt. Die Scooter surrten los und zogen uns zum Eingang. Unser Plan war, einen der berühmten blinden „Bernhard Pack-Krebse“ einzufangen und einem Wissenschaftler zu überreichen. Bisher gab es nur ein Exemplar, welches damals beim verunglückten Bernhard Pack gefunden wurde, der diese Spezies auch entdeckt hatte. Dem Team vom Jens Hilbert glückte diese Aktion bisher nicht.
Unsere Apollo´s zogen meinen Freund und mich 280m weit hinein. Dann wurden sie abgelegt und an der Hauptleine befestigt. Wir flösselten weiter und legten 50m weiter unsere Alustages ab, um besser voranzukommen. Kurz dahinter folgten wir am Abzweig erneut dem Seitengang in die Animales-Galerie. Vorsichtig, mit den Augen jeden Zentimeter der Wände und des Bodens absuchend, glitten wir voran. Keine Spur von einem Krebs! Erst gut 450m weit vom Ausgang wurden wir fündig! Sebastian hatte dafür eigens eine kleine Plastikflasche mitgenommmen. Er drückte das Wasser heraus und näherte sich dem kleinen Lebewesen, welches unsere Anwesenheit wohl schon bemerkt hatte, denn in hastigen Bewegungen versuchte es, der Flaschenöffnung zu entkommen. Es brauchte 4 – 5 Versuche, den höchstens 1,5cm kleinen Wicht einzufangen, aber es glückte schließlich. Wir gaben uns zur Freude die Hand, verstauten nach genauem Betrachten den Krebs und tauchten weiter in den Gang hinein. 20m später machten wir kehrt und schwammen zu Stages und Scootern zurück. Da das Meer wenigstens 20m Sicht hatte, wärmten wir uns vor der Küste noch ein wenig auf und genossen die Unterwasserlandschaft mit ihren vielen bunten Lebewesen. Sebastian zog unter einem Stein einen kleinen Octopus hervor, der sich mit wilden tintenartigen Ausdünstungen zur Wehr setzte und davonschwamm. Mir entglitt vor lauter Lachen fast meine Maske!
Nach fast 2h kehrten wir zum Einstieg zurück. Jens empfing uns freudestrahlend ob unseres Erfolges. Ich muß dazu sagen, dass seine Expedition nicht ganz seinen Wünschen entsprechend abgelaufen war. Er nahm den Krebs entgegen und reichte ihn abends an einen span. Wissenschaftler weiter, ohne ein Wort über die Finder zu verlieren. Gleiches passierte einige Monate später in einem Bericht der Zeitschrift „Tauchen“! Na egal, meinem Freund und mir bleibt die Genugtuung und Freude über das Erlebte.
Am nächsten Tag verließen wir die traute Gemeinde mit Anke im Gepäck. Wir hatten lange überlegt, wo im Auto noch Platz für sie wäre. Aber da der Kompressor nicht mehr drin war, bauten wir provisorisch auf der halb auseinandergenommenen Rücksitzbank einen Sitz aus Isomatten. Die Strecke in einem Ritt runterzureißen,war nicht möglich. Schätzungsweise 2500km lagen vor uns!
Also fuhren wir über die frz. Ardéche zurück, um dort noch einen Tag zu bleiben zum Checken der Gegend für spätere Touren. Gegen Abend fanden wir einen Campground direkt in der wunderschönen Ardéche-Schlucht. Alles, was für den kommenden Tag nicht gebraucht wurde, luden wir neben dem Zelt ab.
Nach einem ausgiebigen Frühstück stiegen wir in´s Auto und suchten nach der ersten Quelle, der „Font Vive“. Mit der von Jan Seifert bekommenen wagen Beschreibung dauerte es gut 1 1/2h, den Quellteich zu finden. Die Suche lohnte aber auf jeden Fall, denn das Wasser im kleinen Becken war ein absoluter Traum!!! Im grünlich-blau schimmerndem Wasser war der Eingang sichtbar.Forellen tummelten sich im Flachen. So stell ich mir das Paradies vor;-)) Also nicht lange überlegt und schnell das Auto etwas näher herangefahren. Etwa 200m waren noch zu Fuß zu überbrücken. Bei schätzungsweise 30°C im Schatten kein leichtes Unterfangen!
Anke machte es sich am Quellteich in der Sonne gemütlich, während wir in´s kühle Nass glitten. Der Eingang öffnete sich in 8m Tiefe. Die Wände schimmerten in hellen Tönen. Unter uns lag viel Gestein. Der Gang viel rasch ab in die Tiefe. In -18m gab es eine kleine Engstelle, hervorgerufen durch nachrutschendes Gestein. Die Höhle wurde zog sich weiter hinab, aber etwas flacher. Der Tiefste Punkt lag bei -28m. Unterwegs passierten wir mehrere kleine Loop´s und einen Abzweig, welcher in einer Luftglocke endet. Nach 300m mußten wir leider umkehren;-( Das war ein wahrlich großartiger letzter Tauchgang!!!
Danach inspizierten wir noch zwei weitere Höhlen (keine Frage, wir kehren zurück!), ohne in´s Wasser zu gehen und kehrten dann zum Campground zurück. Dort letztmalig alle Sachen im Auto verstaut und am nächsten Morgen sehr zeitig die Heimreise angetreten. Der Rest der Strecke war nicht langweilig bei soviel Gesprächsstoff über das Erlebte der vergangenen 4 Wochen.

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